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Arbeitet ihr noch oder seid ihr schon daheim?
Ein Beispiel aus dem Alltag einer Kindertagesstätte in Westheim bei Hammelburg, das aufzeigt, wie man mit den neuen Gegebenheiten wie Ausgangsbeschränkung und Schließung der Tagesstätten umgehen kann – ohne dabei die Kinder aus dem Blick zu verlieren...

 „Was, ihr arbeitet immer noch? „Was tut ihr denn den ganzen Tag, wenn keine Kinder da sind?“

Der Virus und damit die Schließung der Kitas trifft die Erzieher und Kinder der Reggio-Einrichtung St. Peter und Paul mitten im Alltag:

Seit einiger Zeit lockt der nahende Frühling die Kinder in den Garten und die Vorschulkinder fangen an, sich ein Baumhaus zu bauen. Bretter kommen als Podest auf die Äste und Getränkekisten dienen als Treppe. Voller Tatendrang werden im Atelier Pläne für ein „echtes“ Baumhaus angefertigt und Dinge, die man für ein Baumhaus brauchen kann, in einer Kiste gesammelt.

Zunächst nichts Neues für die Kinder und Erzieher der Einrichtung, die ihren Bildungsauftrag vor allem in der Projektarbeit begründen. Umfelderkundung sowie entdeckendes, forschendes und eigenständiges Sammeln von Erfahrungen sind Prinzipien dieser Projektarbeit, bei der das Interesse und der Wissensdurst an einem Thema oder Sache den Startschuss gibt. Der weitere Verlauf ergibt sich dann meistens von selbst. Hat man das „Thema der Kinder“ gewählt, sind sie oft nicht mehr zu bremsen und wollen alles darüber wissen. Der Erzieher versteht sich neben den Kindern als Selbstlernender, Impulsgeber und Wegbegleiter, der seine Schützlinge beim Lernen ermutigt, bestärkt, unterstützt und begleitet.

„Auch diesmal waren die Bedingungen für den Beginn des Projektes optimal“, meint Linda Eisenmann, Erzieherin und Gruppenleitung der „Großen“ im Kindergarten. Mit Begeisterung und voller Energie will sie mit ihrer Kollegin Linda Kirchner und den 14 Vorschülern die Durchführung des Projektes „Baumhaus“ starten.

„Trotz Vorahnungen, die die Schließung der Tagesstätten ankündigten, traf Corona uns – wie auch alle anderen Einrichtungen – mitten im Alltag, mitten in die Ideen und Planungen der Kinder, mitten in unsere pädagogische Arbeit“, erläutert Eva Wüscher, Leiterin der Kindertagesstätte.

Wie kann nun das gerade Begonnene, die Impulse, der Forscherdrang der Kinder in einem leeren Kindergarten weitergeführt werden?

Zunächst arbeiten die Erzieher mit Sicherheitsabstand, oft in Kleinteams, um alltägliche Arbeiten zu verrichten, die vor allem Büroarbeiten und Organisatorisches betreffen.

Mit wachsenden To-do-Listen entstehen auch in den Köpfen des Personals neue Ideen, manchmal auch „Hirngespinste“, die allmählich immer konkreter werden.

„Neben der Notbetreuung ist endlich mal Zeit, auf Sachen herumzudenken, die sonst so oft in den Hintergrund geschoben werden,“ sind sich die Erzieher einig: Grußpost an die Kinder schicken, Raumkonzepte überarbeiten, Portfolios erstellen, Dokumentationen, Gartengestaltung, Elterngespräche vorbereiten, Homepageüberarbeitung, Küchenkonzept weiterentwickeln, neue Kochrezepte ausprobieren, Handwerkerarbeiten und Reparaturen im Haus (Parkettboden abschleifen), Wände streichen, Sitzkissen nähen, Chronik des Hauses erstellen, Presseartikel schreiben, Bewerbung für Wettbewerbe, Elternumfrage überarbeiten. Dies sind nur ein paar Beispiele von Tätigkeiten, für die so oft die Zeit fehlt...

Doch auch die Kinder mit ihren Baumhaus-Träumen verschwinden nicht aus den Köpfen der Erzieher. „Die Gedanken und Ideen der Kinder sollten nicht verloren gehen“ so Eisenmann.

So macht sich die Gruppenleitung der „Großen“, wie die Vorschüler des Westheimer Kindergartens genannt werden, an die Arbeit, Post für ihre „Schützlinge“ zu verfassen.

Der erste Auftrag besteht darin, sich selbst zu malen – eine Vorgehensweise in der Projektarbeit, um sich an der Projektwand im Kindergarten vorzustellen. Dies kennen die Kinder bereits.

Dann geht es weiter an die Planung: Der nächste Auftrag, den die Kinder im „Kiga-Home-Schooling“ in ihren Briefkasten bekommen, stellt die konkrete Planung des Baumhauses dar. Auf ein ausgedrucktes Bild der Bäume im Garten sollen die Kinder „ihr Baumhaus“ einzeichnen.

Natürlich geht die Post dann zurück an den Kindergarten. Ganz tolle Ergebnisse kommen in der Einrichtung an – bunt und unterschiedlich, jedes individuell und voller Ideen: mit Rutsche, Seilwinde, Hängebrücke, Luftballons und krummen Dächern- der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!

Philosophieren mit den Kindern, Geschichten über das Thema, ein kleiner Film, vielleicht wird auch mal ein Baumhaus-Kuchen gebacken – diesmal werden die Kinder ihr Projekt in den verschiedenen Bildungsbereichen vor allem mit der Familie erleben.

Trotzdem bleibt das Gemeinschaftsgefühl erhalten – die Kinder bleiben im Kontakt mit ihren Erziehern und sind trotz der Krise, die so vieles lahm legt, gefragt und geschätzt in ihrem Denken und Tun.

„Die Partizipation steht bei den Reggianern im Mittelpunkt – so wollen auch wir es handhaben – auch unter anderen Bedingungen: Es ist die Lebenswirklichkeit des Alltags, die wir gemeinsam mit den Kindern erleben wollen“, so Eva Wüscher.

Als gleichberechtigte Bildungspartner mit den Eltern versteht sich die Einrichtung darin, den Bildungsauftrag zu ergänzen und zu bereichern. Nun sind in dieser Situation die Eltern natürlich am meisten gefordert und rücken in den Vordergrund. „Ein Kindergarten kann nur gute Arbeit leisten, wenn aus Mitarbeitern und Eltern ein Team geworden ist.“ Dieses Zitat eines unbekannten Verfassers ist ein Leitspruch der Elternarbeit dieser Lernwerkstatt und ist in diesen Tagen so bedeutsam wie nie geworden.

Ob sich die Kinder am Ende ihr geplantes Baumhaus noch zusammen mit ihren Freunden und Erziehern im Kindergarten bauen können oder doch zuhause mit Mama, Papa und den Geschwistern im eigenen Garten, bleibt offen.

Was gleich bleibt und entscheidend ist, sind die gemeinsamen Erfahrungen, Erlebnisse und Emotionen, die die Kinder auf dem Weg mit ihren Familien und Erziehern bis hierhin gemacht haben!

https://www.infranken.de/regional/bad-kissingen/hammelburg/kinder-bekommen-post-mit-kleinen-aufgaben;art14324,4990175

 

Projektpräsentation der Vorschulkinder des Bienen- und Honigprojektes

Es wird organisiert, Einladungen geschrieben, Zutaten eingekauft, Bienenkuchen gebacken, Honigbrote geschmiert, Dekoration gebastelt, Kostüme genäht und ein selbsteinstudierter Tanz geprobt. Die Vorschulkinder des Kindergartens St. Peter und Paul in Westheim bereiten ihren Projektabschluss des „Bienen- und Honigprojektes“ vor.

Schon von Geburt an tritt das Kind in Kommunikation mit seiner Umwelt, drückt sich aus mit seinen Händen, seinem Körper, mit verschiedenen Gegenständen und Materialien. Es tritt mit der Welt in Beziehung, gibt seinem täglichen Erleben Ausdruck – ist Baumeister, Architekt, Zeichner, Forscher, Naturwissenschaftler, Musiker, Tänzer… Die „hundert Sprachen der Kinder“ sind die unerschöpflichen Ausdrucksmöglichkeiten der Kinder, die wir in unserem Kindergarten unterstützen wollen.

Alles begann mit Johanna, die von einem Wespennest zu Hause erzählte. Schnell war das Interesse und der Forschergeist bei den anderen Gruppenmitgliedern geweckt. Es wurden Bücher herausgekramt, im Atelier entdeckten die Kinder einen Schaukasten mit Teilen eines Bienenstockes und erste Überlegungen und Thesen wurden zu den Bienen und Wespen aufgestellt. Es entstanden im Dialog Fragen wie „Wo kommt der Honig her?“, „Was ist ein Imker?“, „Ist in der Blume der Honig drin?“, „Was sind Pollen?“. Die Kinder stimmten ab, ob daraus ein Projekt entstehen soll und überlegten sich was sie erforschen, entdecken und erleben wollen.

Dieses von Natur aus gegebene Bedürfnis nach Selbsttätigkeit ließ die Kinder auf Entdeckungsreise gehen. Ella brachte ein Bienensachbuch mit. Darin konnte man sehr gut den Körperbau der Biene erkennen: Kopf - Bruststück - Hinterleib - Fühler - Flügel - Beine - Rüssel - Augen. Mit der Aquarelltechnik zeichnete jedes Kind eine Biene. Auch der bekannte Künstler „Miro“ hat Bienen gemalt. In einem Buch fanden sie die Lieblingsfarben und Formen vom ihm heraus, erkundigten sich nach seinem Lebenslauf und analysieren seine Kunstwerke „die träumende Biene“ und „die fleißige Biene“. Mit der Öltechnik zeichnete jedes Kind seine eigene Fantasiebiene auf eine Leinwand. Wie die fleißigen Bienen unterwegs sind, so sind auch die Kinder den ganzen Tag im Tun. In einer Meditation ließen sie ihre Gedanken wie Bienen ausfliegen, zum Ausruhen zurückkehren und genossen die Stille.

Weil die Kinder voller Neugier und Fragen steckten, riefen sie bei der Imkerin Michaela Seufert in Untereschenbach an und vereinbarten eine Exkursion. Sachlich informativ und für Kinder verständlich versuchte die Expertin zu erklären, wie die Bienen mit Rauch beruhigt werden, wie sie den Nektar aus den Wabe holen, wie der Honig geschleudert wird und natürlich durfte jeder den Honig zum Schluss kosten. (Foto 3: Imkerin)

Im Morgenkreis erklärte Valentin seinen Gruppenmitgliedern, dass seine Oma ein Insektenhotel im Garten stehen hat. Dieses bietet den Insekten die Möglichkeit ihre Brut darin abzulegen. Auch im Garten der Einrichtung entdeckten die Kinder ein veraltetes Insektenhotel. Schnell war klar: Es muss erneuert werden und jedes Kind wollte sein eigenes für zu Hause bauen. Bei einer Exkursion bei Claudia Beyrle bekamen die Kinder Einblick in das Innenleben eines Insektenhotels. Anschließend organisierten und zersägten sie Schilf, bohrten in feste Holzscheite Löcher, tonten einen Löcherklotz, brachten Holzkisten von zu Hause mit und gestalteten damit das Insektenhotel, das speziell auf Wildbienen abgestimmt wurde.

Auch im Alltag entdeckten die Kinder immer wieder Dinge die sie mit den Bienen in Verbindung brachten. Honigbonbons, Honigmüsli, Minze-Honig-Tee, Brettspiele, Bienenwachskerzen, Filme, bedruckte Kleidung, Bilderbücher, sechseckige Wabenkekse, Plätzchenausstecher, Biene-Maja-Joghurt, Honigseife, Blumensamen, uvm.

Spannend wurde es dann noch einmal als die Kinder ein mitgebrachtes Wespennest auseinander schnitten und die sechseckigen Waben betrachteten, die von den Wespen in Etagen angeordnet werden. Kaum vorstellbar, dass ein solches Bauwerk ausschließlich aus Speichel der Wespe und altem Holz entsteht.

Zum Ende des Projektes stellte sich wie immer die Frage: Wie und wem wollen wir unser Projekt präsentieren und abschließen? Es erschienen 70 Eltern und Großeltern zum Projektabschluss, denen die Kinder zusammen mit Erzieherin Linda Eisenmann und Berufspraktikantin Linda Kirchner das Projekt mit Tanz, Liedern, Power-Point-Präsentation, Bienenkuchen und einer Ausstellung der Werke präsentierten.

Im täglichen Dialog mit den Kindern über die vielen Erlebnisse und Tätigkeiten, das Aufgreifen der Interessen und Fragen führte durch alle Bildungsbereiche des Erziehungs- und Bildungsplans. Das Lernfeld der Kinder ist der gelebte Alltag und das Umfeld mit den vielen Lebewesen gehört nun einmal dazu.

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